Als ich noch ein Kind war, gab es noch richtige Moore. Wir sind damals mit der Schule oder unseren Eltern ins Moor gefahren, im Emsland, in Holland. Damals wurde noch überall Torf abgebaut, mit riesigen Maschinen und das war nicht schön. Es war alles vertrocknet und verdorrt und nichts lebte dort mehr. Und überall waren diese Erdöl-Pumpen. Mich hat das traurig und wütend gemacht. Das sah alles so schrecklich aus und all das Schöne, mit diesen kleinen besonderen Moosen, die winzige Blüten hatten und Tröpfchen, das Wollgras, auch teilweise Heide, je nachdem, wo du gerade warst, war weg. Wollgras hat etwas Magisches…und der Boden im Moor, der schwingt und quatscht. Und wenn man nicht aufpasst, sackt man bis zur Wade ein und man bekommt Ärger, weil man die schönen Sonntagssöckchen und guten Ledersandalen ruiniert hat. Moor geht nicht mehr raus.
Die Großeltern meiner besten Freundin, Emsländer Urgesteine mit dem krassesten Platt, an das ich mich erinnern kann, haben mit Torf geheizt. Wir waren da oft, bei denen in der Küche, wo der Herd stand, der immer an war. Und es roch nach verbranntem Torf – und man selber hinterher auch. Diesen Geruch bekommst du nie wieder raus, er hat etwas Strenges, etwas Beißendes. Er ist unangenehm und ich kann dem Ganzen bis heute nichts Romantisches abgewinnen. Aber es war eine ganz besondere Wärme, eine Wärme, die einen umfangen hat, eine Wärme, die einen hielt. Vielleicht, weil dort Seelen verbrannt wurden. Das habe ich früher immer gedacht, weil im Torf all die toten Pflanzen und Tiere waren. Das Moor sieht schön aus, aber es ist eigentlich ein grausamer Ort. Das Moor hat mich fasziniert, aber gleichzeitig hatte ich immer eine furchtbare Angst davor.
Heute? Ganz ehrlich? Es gibt keine richtigen Moore mehr. Das, was wir heute haben, ist teilweise renaturiert. Es ist klein, eingesperrt, nicht richtig. Das ist, als würden Menschen sich einen Dschungel von einem Landschaftsarchitekten anlegen lassen, genauso authentisch ist das, was wir da heute haben. Und alles, weil wir in den 80ern nicht begriffen haben, dass wir etwas unwiderruflich zerstören. Im Emsland war das normal, dort ist immer Torf gestochen worden. Aber es ist ein Unterschied, ob es Moorbauern mit Spaten und Karre sind, oder ein kommerzielles Unternehmen mit diesen riesigen Baggern, die alles kaputt machen und nichts intakt lassen. Und wozu? Was haben wir gewonnen? Nichts.
Mit den Wäldern ist das ähnlich, aber da haben die Menschen irgendwann begriffen, dass sie ihre Urwälder schützen müssen. Aber was sind schon 70 km²? Nichts im Vergleich zu dem, was war. Und ja, 70 km² sind besser als nichts, aber was heißt das schon? Gut ist es trotzdem nicht. Und jetzt haben wir das Problem, dass durch den Klimawandel Wälder, die dem Menschen Tausende von Jahren getrotzt haben, trotzdem dahinsiechen – durch Borkenkäfer, Stürme, Hitze und Brände. Als ich nach Kyrill zur Arbeit gefahren bin, lagen die Kiefern da wie Streichhölzer. Bis heute wurde nicht wirklich aufgeforstet. Ein paar kümmerliche Bäumchen, das war’s. Gut, im Emsland haben wir noch unsere weiten Kiefern- und Mischwälder, aber natürlich ist da schon lange nichts mehr, das ist nur noch Ressource.
Ich bin bestimmt kein Öko-Freak, aber ich mag es nicht, wenn irgendwelche Idioten meine Welt zerstören. Wenn ich weiß, dass es das, was ich kenne, nur noch in meinem Kopf, in der Erinnerung gibt. Das ist nicht richtig! Und ich weiß, dass es nicht mehr lange dauert und auch die letzten Reste Erinnerung sind beseitigt und es gibt nichts mehr da draußen, was noch echt ist. Das ist der Mensch – das einzige Tier, das seinen eigenen Lebensraum zerstört – und den aller anderen. Das Tier, das behauptet, intelligent zu sein, aber nur Dummes tut. Ich muss das nicht verstehen. Ich verstehe es auch nicht.
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