„Ich habe das Rattenloch zugeschüttet“, vernahm er die Stimme seines Vaters aus dem Nebenzimmer. „Na, Gott sei Dank! Dann hat das Elend ja endlich ein Ende!“, rief die Mutter und klapperte dabei mit Geschirr. Kurz darauf begrüßte der Nachrichtensprecher seine Damen und Herren zur Tagesschau, aber das war so belanglos wie der Regen, der gegen die Scheibe prasselte.
Nass fühlten sich die Tropfen an, die dick und schwer auf seine Schlafanzughose fielen. Sie wurden kalt und ihm wurde kalt. Dunkelheit schlich durch das Fenster in sein Zimmer und seine wunden Augen gewöhnten sich an die verschwommenen Flächen aus Grau und Grau. Bald war sein Bett verschwunden, dann der Schrank und in den Ecken wartete die Finsternis auf ihren Auftritt. Doch der würde nie kommen, denn durch die dunkle Wolkendecke schob sich ein Keil kalten Mondlichts und erfasste seinen kleinen Körper wie in einer Lichtkapsel inmitten eines Ozeans aus Schwärze. War er sicher? Es war egal. Sie waren weg. Tot! Zugeschüttet, wie Ratten. Doch sie waren keine Ratten. Sie waren seine Freunde. Seine Beschützer. Und nun war er allein in einer feindlichen Welt.
Die Tür öffnete sich und ein Duft umfing ihn, hob ihn auf und trug ihn in sein Bett. Die Bettdecke, kalt und schwer, der Schutz gegen die Geister der Nacht, drückte seinen Körper, leicht wie nichts, in den nachgebenden Untergrund und schon bald befand er sich erneut in der Finsternis, die ungeduldig lauerte und lurrte und sich ihrer Beute sicher war, denn er war allein.
Stille kehrte ein. Schritte brachten die Treppe zum Knarzen. Wasser floss. Eine Tür schloss sich. Und dann dröhnte nur noch die Ruhe der Dunkelheit in seinem Kopf.
Es nützte nichts. Er musste es tun.
Kalt war es, als er einen Fuß in die Kälte setzte,
dann den zweiten. Langsam tastend nach dem Türknauf entließ er sich in eine Freiheit, die ihn für seinen Leichtsinn bestrafen würde. Aber er konnte nicht anders. Er brauchte Gewissheit.
Schritt für Schritt schlich er durch die Schatten der Stube Richtung Veranda. Die Tür war schwer und blockierte – nur einen Spalt – er brauchte doch nur einen Spalt! Hindurch!
Es roch faulig und modrig. Wie Stacheln bebte das dunkle Gras und die Dämonen der Dunkelheit zischten ihre Begrüßung durch die Leere der Nacht. Feuchte Krallen versuchten, seiner habhaft zu werden und der Boden unter seinen Füßen schmatzte und malmte und biss mit seinen tausend spitzen Zähnen in seine nackten Fußsohlen. Hin und her peitschte ihn die eisige Flut, die sich im jähen Aufgleißen als ein unbarmherziger Regen aus feinsten Pfeilspitzen enttarnte.
Er wusste, wenn er jetzt nicht loslief, dann war er verloren – und sie auch.
Und er lief. Er flog über die schutzlose Lichtung in die schützende Böschung und tastete. Hier musste es sein…die Erde. Er grub, er höhlte, er weinte, denn seine Nägel rissen und seine Finger schmerzten. Er grub tiefer, tiefer, aber jede Handvoll Erde wurde gleich wieder zurückgeschwemmt und seine kleinen Hände mühten sich vergeblich.
Als sein Wille brach, toste die Welt um ihn herum in einem wütenden Orkan, der alles verschlang. Er war nass, kalt, dreckig und bald war auch er eins mit dem Grund und dem Gras, dem Grau, das auch ihn zu einem Teil dieser Schattenwelt machen würde.
Als er alles verloren wähnte, kratzte etwas neben ihm. Die Erde bebte an seiner Wange, ein Scharren war zu vernehmen.
Mit letzter Kraft stieß er seine Hand ins unnachgiebige Erdreich und griff nach dem, was Widerstand leistete. Und dann sah er sie. Nass und lehmig, zerzaust, erschöpft, aber immer noch voller Leben und Mut stieß sich eine kleine Hand durch den Riss im Erdreich. Kurz darauf folgte ein Kopf und ein kleiner Körper zwängte sich durch den Spalt.
Sie lebten. Sie waren alle da. Jetzt musste alles gut sein. Oder nicht?
Kobolde
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